| Veranstaltung: | LDK-Emden 2026 |
|---|---|
| Tagesordnungspunkt: | 5. Weitere Anträge |
| Antragsteller*in: | LAG Migration und Flucht (dort beschlossen am: 08.04.2026) |
| Status: | Eingereicht |
| Eingereicht: | 09.04.2026, 14:04 |
wA14: Demokratie wächst von unten – Gemeinwesenarbeit nachhaltig stärken
Antragstext
Gemeinsamer Antrag der LAG Migration und Flucht und LAG Arbeit und Soziales
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Niedersachsen setzen sich dafür ein, die Gemeinwesenarbeit
(GWA) als ein wichtiges Instrument für sozialen Zusammenhalt, demokratische
Teilhabe und gesellschaftliche Resilienz strategisch weiterzuentwickeln und
strukturell zu stärken.
Dazu sollen insbesondere folgende Maßnahmen umgesetzt werden:
1. Landesweiter Entwicklungsprozess für Gemeinwesenarbeit und Community
Organizing
Wir fordern die Initiierung eines landesweiten, strukturierten Prozesses zur
Weiterentwicklung der Gemeinwesenarbeit. Dieser Prozess soll Akteur*innen aus
Kommunen, Wissenschaft und Praxis der Gemeinwesenarbeit zusammenbringen. Ziel
ist es zu prüfen, ob und wie Gemeinwesenarbeit perspektivisch gesetzlich
verankert werden kann und wie der Übergang von kurzfristiger Projektförderung
hin zu nachhaltigen, verlässlichen Strukturen der Selbstorganisation in den
Quartieren und im ländlichen Raum gelingt.
Denn erfolgreiche Projekte dürfen – gerade in Zeiten angespannter kommunaler
Haushalte – nicht wegbrechen.
2. Förderung nachhaltiger GWA-Strukturen
Wir setzen uns für eine gezielte Förderung modellhafter Verstetigung der
Strukturen der Gemeinwesenarbeit auf kommunaler Ebene ein.
Dazu fordern wir eine Aufstockung der Mittel für Gemeinwesenarbeit über das
Niedersächsische Wohnraum- und Wohnquartierfördergesetz (NWoFG) um mindestens 1
Million Euro für die gezielte Förderung von Projekten, die langfristige,
verstetigte Strukturen statt kurzfristiger Maßnahmen aufbauen, sowie eine
wissenschaftliche Begleitung, um Wirksamkeit, Übertragbarkeit und Skalierung
sicherzustellen.
Zugleich müssen die bereitgestellten Mittel in ihrer realen Wirkung gesichert
werden. Daher setzen wir uns für einen Mechanismus zum Inflationsausgleich ein,
damit steigende Kosten nicht zu einer schleichenden Aushöhlung bestehender
Strukturen führen.
3. Klimaschutz, Gemeinwesenarbeit und Community Organizing verbinden
Wir wollen die Verbindung von Klimaschutz und Gemeinwesenarbeit systematisch
stärken.
Dazu gehört: die politische und finanzielle Förderung von Lernprozessen zu
Klimaschutz durch Gemeinwesenarbeit, insbesondere in Quartieren, die stärkere
Verknüpfung von sozialer Infrastruktur, Beteiligung und ökologischer
Transformation sowie die Erschließung neuer, innovativer Finanzierungswege für
GWA, etwa über Energiegenossenschaften, lokale Beteiligungsmodelle oder Umlagen
im Energiebereich, wie z. B. Stromtrassenumlagen.
Begründung
Ob gesellschaftlicher Zusammenhalt gelingt, entscheidet sich dort, wo Menschen ihren Alltag leben – in Nachbarschaften, Quartieren und Gemeinden. Denn die Konflikte und Transformationen unserer Zeit – vom demografischen Wandel über soziale Ungleichheit und Einsamkeit bis hin zu Klima-, Energie- und Wohnraumkrisen – entscheiden sich nicht abstrakt, sondern konkret vor Ort. Wenn dort tragfähige Strukturen fehlen, der soziale Kitt bröckelt oder Räume von antidemokratischen Kräften besetzt werden, lassen sich diese Herausforderungen nicht bewältigen.
Gemeinwesenarbeit setzt genau hier an. Sie baut Vertrauen auf und ermöglichen Selbstwirksamkeit, demokratische Willensbildung und kollektive Lösungsansätze. Community Organizing ergänzt diese Arbeit zunehmend, indem es gezielt Menschen aktiviert, die bisher wenig eingebunden sind, und ihre Interessen in kollektive Handlungsfähigkeit durch Beziehungsarbeit, Selbstorganisation und tragfähige Bündnisse übersetzt.
Es gehört zum Anspruch von Gemeinwesenarbeit, an gesellschaftlichen Konfliktpunkten zu arbeiten und Veränderungen gemeinsam mit Betroffenen zu erwirken – genau dafür bietet Community Organizing zentrale Methoden und Instrumente. Gerade in einer Einwanderungsgesellschaft kommt Gemeinwesenarbeit eine zentrale Rolle zu: Sie schafft Räume, in denen unterschiedliche Lebensrealitäten zusammenkommen, Interessen ausgehandelt werden und Teilhabe tatsächlich möglich wird.
In Niedersachsen gibt es dafür bereits wichtige Ansätze, etwa durch das Praxisnetzwerk Soziale Stadtentwicklung, in dem Community Organizer*innen qualifiziert wurden und vor Ort in den Städten und Gemeinden wirken. Im Unterschied zu klassischen Bürgerinitiativen zielt Community Organizing darauf, dauerhafte Bürger*innenorganisationen aufzubauen, die Strategien entwickeln, Konflikte sichtbar machen, Aktionen durchführen und mit Entscheidungsträger*innen auf Augenhöhe verhandeln.
Die Erfahrungen zeigen: Gemeinwesenarbeit und Community Organizing wirken – ihre Strukturen sind jedoch häufig nicht ausreichend abgesichert.
Sie zielen auf langfristigen Beziehungsaufbau und stabile Strukturen, stehen aber oft im Widerspruch zu kurzfristigen Projektlogiken. Trotz positiver Entwicklungen der letzten Jahre, etwa im Rahmen des NWoFG, bleibt die Finanzierung vielfach befristet und gerät zunehmend unter Druck durch angespannte kommunale Haushalte.
Das führt dazu, dass funktionierende Strukturen wegbrechen, obwohl sie dringend gebraucht werden.
Deshalb wollen wir Gemeinwesenarbeit strategisch weiterentwickeln und mit Community Organizing weiter gezielt stärken, die kommunale Ebene durch gezielte Förderung nachhaltiger Strukturen stabilisieren und zugleich neue Perspektiven eröffnen, indem wir soziale und ökologische Transformation zusammendenken.
Gemeinwesenarbeit kann hier Brücken bauen, Beteiligung stärken und konkrete Lösungen vor Ort ermöglichen – auch durch neue Finanzierungsansätze.
Gemeinwesenarbeit ist Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge und muss entsprechend dauerhaft abgesichert werden. Gerade vor dem Hintergrund wachsender gesellschaftlicher Spannungen und Polarisierung ist diese Arbeit unverzichtbar.