| Veranstaltung: | LDK-Emden 2026 |
|---|---|
| Tagesordnungspunkt: | 5. Weitere Anträge |
| Antragsteller*in: | KV Oldenburg-Land (dort beschlossen am: 07.04.2026) |
| Status: | Eingereicht |
| Eingereicht: | 10.04.2026, 10:12 |
wA17: Dietrich-Bonhoeffer-Klinik erhalten – Versorgung suchtkranker Kinder und Jugendlicher sichern
Antragstext
Die Dietrich-Bonhoeffer-Klinik in Ahlhorn ist eine spezialisierte Einrichtung
für die stationäre und teilstationäre Behandlung von Kindern und Jugendlichen
mit stoffgebundenen und nicht-stoffgebundenen Suchterkrankungen. Sie erfüllt
eine wichtige Funktion innerhalb der bestehenden Versorgungslandschaft für junge
Menschen mit komplexem therapeutischem Bedarf.
Die drohende Schließung der Klinik würde einen gravierenden Einschnitt in die
ohnehin begrenzten Versorgungsstrukturen für suchtkranke Kinder und Jugendliche
bedeuten. Nach Daten der Deutschen Suchthilfestatistik sind spezialisierte
stationäre Therapieangebote für diese Altersgruppe bundesweit nur in begrenztem
Umfang vorhanden. Der Wegfall einer Einrichtung dieser Art würde die bestehende
Unterversorgung weiter verschärfen und den Zugang zu dringend benötigten
Therapieplätzen erheblich einschränken.
Die Landesdelegiertenkonferenz von Bündnis 90/Die Grünen Niedersachsen fordert
daher die zuständigen Akteure auf Landes- und Bundesebene, die beteiligten
Kostenträger sowie den Träger der Einrichtung nachdrücklich auf, die drohende
Schließung der Dietrich-Bonhoeffer-Klinik abzuwenden und die Therapieangebote
für Kinder und Jugendliche mit Suchterkrankungen dauerhaft sicherzustellen.
Zentrale Forderungen:
1. Kurzfristige Sicherstellung von Finanzierung und Betrieb
Alle beteiligten Akteure – insbesondere die Deutsche Rentenversicherung, die
gesetzlichen Krankenkassen, der Klinikträger sowie die Landes- und Bundespolitik
– müssen unverzüglich einen tragfähigen und pragmatischen Lösungsansatz
entwickeln, um den laufenden Betrieb der Dietrich-Bonhoeffer-Klinik zu sichern.
Der Zugang junger Menschen zu notwendiger Behandlung darf nicht von
kurzfristigen
betriebswirtschaftlichen Erwägungen abhängig gemacht werden.
2. Politische Verantwortung übernehmen und koordiniert handeln
Die Behandlung von Suchterkrankungen ist Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge.
Bund, Land und
Kostenträger tragen hierfür eine gemeinsame Verantwortung. Die Landesregierung
Niedersachsen - insbesondere das Niedersächsische Ministerium für Soziales,
Arbeit, Gesundheit und Gleichstellung – wird aufgefordert, den Wegfall dieser
wichtigen Versorgungsstruktur nicht hinzunehmen, politischen Druck auf die
Kostenträger und den Bund auszuüben und sich klar und öffentlich für den Erhalt
spezialisierter Suchthilfeangebote für Kinder und Jugendliche einzusetzen.
3. Langfristige Sicherung und Reform der Finanzierungsstrukturen
Die Finanzierung spezialisierter Therapieangebote für Kinder und Jugendliche mit
Suchterkrankungen muss dauerhaft auskömmlich, verlässlich und bedarfsgerecht
ausgestaltet werden. Erhebungen der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS)
zeigen, dass Einrichtungen der Suchthilfe seit Jahren strukturell
unterfinanziert sind und wirtschaftliche Defizite zunehmend den Fortbestand
ganzer Versorgungsangebote gefährden. Besonders spezialisierte Einrichtungen
geraten dabei unter Druck, da der hohe personelle und therapeutische Aufwand in
bestehenden Vergütungssystemen nicht ausreichend berücksichtigt wird. Die
niedersächsischen Mitglieder des Deutschen Bundestages werden aufgefordert, sich
aktiv für entsprechende Reformen der Finanzierungsstrukturen auf Bundesebene
einzusetzen.
Begründung
Suchterkrankungen bei Kindern und Jugendlichen stellen eine wachsende gesundheitspolitische Herausforderung dar. Während der Konsum klassischer Suchtmittel wie Alkohol und Tabak teilweise rückläufig ist, nehmen nicht-stoffgebundene Abhängigkeiten deutlich zu.
Aktuelle Studien der DAK-Gesundheit in Zusammenarbeit mit dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf zeigen, dass über 25 % der 10- bis 17-Jährigen ein riskantes oder pathologisches Nutzungsverhalten sozialer Medien aufweisen. Rund 4–5 % erfüllen bereits die Kriterien einer manifesten Abhängigkeit. Damit besteht bei einem erheblichen Teil der Jugendlichen ein konkreter therapeutischer Bedarf. Gerade bei Kindern und Jugendlichen sind frühzeitige, spezialisierte Therapieangebote entscheidend, um langfristige gesundheitliche, soziale und berufliche Folgeschäden zu vermeiden. Der Abbau bestehender Versorgungskapazitäten verschärft die Problemlage und verlagert die Folgen in andere Systeme wie Jugendhilfe, Schule, psychiatrische Versorgung und später den Arbeitsmarkt.
Zugleich ist der Erhalt spezialisierter Suchthilfe nicht nur sozial-, sondern auch finanzpolitisch geboten. Studien zur ambulanten Suchthilfe zeigen, dass Investitionen in frühzeitige Behandlung erhebliche Folgekosten vermeiden können und ein hohes gesellschaftliches Kosten-Nutzen-Verhältnis aufweisen. Auch für stationäre Therapieangebote ist von signifikanten langfrist gen Einsparungen auszugehen, etwa durch vermiedene Krankenhausaufenthalte, geringere Inanspruchnahme der Jugendhilfe und stabilere Bildungs- und Erwerbsbiografien. Die drohende Schließung der Dietrich-Bonhoeffer-Klinik ist daher kein betriebswirtschaftliches Einzelproblem, sondern ein politischer Testfall für die Verlässlichkeit staatlicher Daseinsvorsorge.
Wer zulässt, dass spezialisierte Suchthilfe für Kinder und Jugendliche wegbricht, nimmt langfristige Schäden und höhere gesellschaftliche Folgekosten bewusst in Kauf. Die Landesdelegiertenkonferenz von Bündnis 90/Die Grünen Niedersachsen bekennt sich zu einem Versorgungssystem, das sich am tatsächlichen Bedarf junger Menschen orientiert – nicht an kurzfristigen Sparlogiken.
Quellen:
Deutsche Suchthilfestatistik (DSHS). Institut für Therapieforschung (IFT), München. Jahresberichte und aktuelle Auswertungen zur ambulanten und stationären Suchthilfe in Deutschland. Online verfügbar unter: https://www.suchthilfestatistik.de/
Bundesministerium für Gesundheit (BMG). Deutsche Suchthilfestatistik – Epidemiologie des Suchtmittelkonsums
Informationen zur Versorgungslage und Entwicklung von Suchterkrankungen in Deutschland. Online verfügbar unter: https://www.bundesgesundheitsministerium.de/ministerium/ressortforschung/drogen-und-sucht/epidemiologie-des-suchtmittelkonsums/deutsche-suchthilfestatistik.
Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e. V. (DHS). Bericht zur Finanzierung der Suchtberatung in Deutschland (2024)
Analyse zur strukturellen Unterfinanzierung der Suchthilfe und zu volkswirtschaftlichen Effekten früher Intervention. Online verfügbar unter: https://www.dhs.de/fileadmin/user_upload/2024-09-26-Bericht_zur_Finanzierung_der_Suchtberatung_FINAL.pdf.
DAK-Gesundheit / Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). DAK-Mediensucht-Studie 2024/2025. Längsschnittstudie zur problematischen und pathologischen Mediennutzung bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland.
Online verfügbar unter: https://www.dak.de/dak/unternehmen/reporte-forschung/dak-studie-mediensucht-2024_91442
Servicestelle Kinder- und Jugendschutz. Neue DAK-Studie zur problematischen Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen
Zusammenfassung und Einordnung der aktuellen Studienergebnisse. Online verfügbar unter: https://www.servicestelle-jugendschutz.de/2025/03/neue-dak-studie-praesentiert-zahlen-zur-
problematischen-mediennutzung-von-kindern-und-jugendlichen/